Man schließt die Menschen einfach ins Herz

Vechta – Die einen wollen nach der Schulzeit etwas Neues ausprobieren und sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Andere möchten vor der endgültigen Berufswahl in den sozialen Bereich hineinschnuppern oder erste praktische Erfahrungen für die angestrebte Ausbildung sammeln. Gute Gründe für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) oder das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) gibt es viele. Allein im Andreaswerk engagieren sich jedes Jahr gut 55 Jugendliche und junge Erwachsene ab 16 Jahren in einer der landkreisweiten Einrichtungen des Vereins. Unter ihnen: die 19-jährige Ilka Barhorst und die 17-jährige Leonie Scholten. Beide absolvieren noch bis Ende Juli ihren BFD in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) an der Landwehrstraße in Vechta.

„Zu Beginn meines BFD war ich mir noch unsicher, was da auf mich zukommt. Ob ich das alles so hinkriege. Aber du gewöhnst dich hier ganz schnell ein“, möchte Ilka auch anderen Mut machen. Jeweils im August startet der üblicherweise zwölfmonatige Freiwilligendienst. Sie selbst, erinnert sich die 19-Jährige schmunzelnd, sei damals etwas spät dran gewesen. Erst im Juli hatte sie sich bei der kfwd (Katholische Freiwilligendienste im Oldenburger Land gGmbH) beworben, die die Freiwilligen in ihre Einsatzstellen vermittelt. „Dort hat man mir dann diese Stelle vorgeschlagen“, erzählt sie. Anders bei Leonie. Die 17-Jährige hatte bereits vorab Kontakt mit dem Andreaswerk aufgenommen – und die Einrichtung anschließend bei der kfwd als Wunscheinsatzort angegeben.

„Wir unterstützen die Menschen bei der Arbeit, übernehmen Pflegeaufgaben und reichen Essen und Trinken an“, zählt Leonie einige ihrer Aufgaben auf. Dazwischen gibt es gemeinsame Spaziergänge, wird – je nach Gruppe - auch mal zusammen gekocht oder gebastelt. Bei der Gestaltung des Tages habe man in ihrer Gruppe einige Freiheiten, berichtet Ilka. Und: Niemand muss befürchten, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Als erster Ansprechpartner arbeitet der Gruppenleiter beziehungsweise die Gruppenleiterin die Freiwilligendienstler ein, leitet sie an und hilft dort weiter, wo sich Hürden auftun.

Man wachse über sich hinaus, sagt Ilka über die vergangenen Monate. Lerne viel über sich selbst. Für sie war es auch ein Jahr der Orientierung. Ein Jahr, wie sie selbst sagt, in dem man erst einmal gucken könne. Wie soll meine berufliche Zukunft aussehen? Was bereitet mir wirklich Freude? Die 19-Jährige könnte sich inzwischen ein Studium der Sozialen Arbeit oder Erziehungswissenschaften gut vorstellen. „Durch den BFD ist mir klar geworden, dass ich auf jeden Fall mit Menschen arbeiten will“, betont sie.

Auch Leonie weiß jetzt genauer, wohin es beruflich gehen soll. Die 17-Jährige möchte eine Ausbildung in der Pflege machen. Möchte sich auch regelmäßig weiterbilden. Und vielleicht selbst irgendwann eine Einrichtung wie das Andreaswerk leiten. Also wieder mit Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten? „Ja“, sagt Leonie. Lange überlegen, muss sie bei dieser Frage nicht.

Beim BFD habe sie viel für ihren weiteren beruflichen Weg gelernt, sich aber auch persönlich weiterentwickelt. Sie sei verantwortungsbewusster geworden, offener gegenüber Menschen und geduldiger. Für Leonie und Kollegin Ilka steht fest: Der Abschied von ihren Gruppen wird ihnen schwerfallen. „Man schließt die Menschen hier einfach ins Herz. Das Umfeld, die Herzlichkeit - das werde ich vermissen", sagt Ilka.

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Zu den Aufgaben von Ilka Barhorst (von links) und Leonie Scholten gehört es unter anderem, die Beschäftigten in der Werkstatt für behinderte Menschen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.
Foto: Thiel